Methoden
Tanztherapie & Bewegungstherapie
Die Tanztherapie ist eine körperorientierte und künstlerische Form der Psychotherapie. Sie basiert darauf, dass Körper, Gefühle, Gedanken und soziale Interaktionen eng miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen. Die Tanz- und Bewegungstherapie wird eingesetzt, um psychische Störungen zu behandeln, seelische Belastungen zu lindern sowie persönliches Wachstum und Lebensqualität zu fördern.

Entstehung der Tanztherapie
Tanz ist ein wichtiger Teil der menschlichen Kultur und hat, wie andere Kunstformen, positive Wirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden. Die moderne Tanztherapie entstand in den 1920er Jahren, in der Zeit des Expressionismus, in der die Gestaltung des seelischen Ausdrucks im Mittelpunkt stand. Bedeutende Persönlichkeiten wie Duncan, Graham, Wigman, Laban, Chase, Whitehouse und Schoop entwickelten Tanztheorien, die bis heute als Prinzipien für die therapeutische Praxis gelten.
- Erleben und Fördern der Einheit von Körper und Seele
- Künstlerische Gestaltung als Kompetenz und Ressource
- Wertschätzender Umgang mit individuellen Bewegungsmuster
- Erweiterung des Bewegungsrepertoires als Mittel zur Bewältigung innerer und äußerer Konflikte
- Freie Improvisation als Zugang zu Gefühlen, als Regulativ und Quelle neuer Erfahrungen
- Wertfreie Haltung gegenüber den Inhalten des Ausdrucks

Die wissenschaftlichen Begegnungen mit den Bereichen der Psychotherapie, Anthropologie, Medizin, Entwicklungspsychologie und Pädagogik führten zu verschiedenen theoretischen, diagnostischen und methodischen Konzepten. Die Bewegungsstudien von Laban, die Bartenieff Fundamentals, das Kerstenberg Movement Profile (KMP) und das Embodiment Konzept bilden wichtige Grundlagen der Tanztherapie.
Die Professionalisierung der künstlerischen Therapien hat zu einer Standardisierung der Ausbildung, zur Etablierung einer Berufspolitik und zur Entstehung einer Forschungskultur geführt. Hier sind insbesondere die Werke von Koch und Bräuninger zu nennen. Zu den wichtigen Arbeitsthemen gehören neben den grundlegenden Theorien auch die Wirksamkeit und Wirkfaktoren der Tanz- und Bewegungstherapie, nicht zuletzt im Hinblick auf ihre Integration in die S3-Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF). Heute haben sich Tanztherapie und Bewegungstherapie in stationären, teilstationären und ambulanten Bereichen von psychiatrischen, psychosomatischen und psychosozialen Kliniken und Einrichtungen etabliert.
Therapeutischer Prozess
Bewegung sowie Erleben der Umwelt mit allen Sinnen sind wesentliche Grundlagen für die motorische, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung von Kindern. Tanz war schon immer ein grundlegendes Ausdrucksmittel, um sich mitzuteilen und Lebensereignisse zu verarbeiten. Bewegung und Tanz, verbunden mit reflektierenden Gesprächen, sind die zentralen Mittel des therapeutischen Prozesses.

Tanztherapeutische Methoden stützen sich auf spielerische, ästhetische und symbolische Elemente. Die Klient:in wird als Expert:in für das eigene Leben und die eigenen Erfahrungen gesehen. Die eigenen Stärken werden genutzt und weiterentwickelt, um einen besseren Umgang mit den Problemen zu finden. Der künstlerische Bewegungsprozess kann helfen, bewusste und unbewusste Wahrnehmungen und Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten. Die tänzerische Improvisation und symbolische Darstellung ermöglicht die Erkenntnis und die Veränderung innerer Bedeutungen. Die Körpersprache kann Ausdruck und Kommunikation ermöglichen, wo eigene Worte fehlen.
Durch den Einsatz verschiedener Bewegungs- und Tanztechniken sowie das Spiel mit Raum, Kraft, Rhythmus, Musik, Materialien und Sprache erweitert die Tanztherapie das eigene Bewegungsrepertoire und damit auch das Handlungsrepertoire. Persönliche Muster können sichtbar werden, neue Erfahrungen gemacht und bisher unvertraute Qualitäten geübt werden. Der Fokus der Arbeit liegt im "Hier und Jetzt". Auch in der Reflexion geht es darum, Veränderungen anzustoßen und Strategien zu entwickeln, um die aktuellen Herausforderungen besser zu bewältigen.

Tanztherapie wird als Gruppentherapie sowie als Einzeltherapie eingesetzt. In Bewegung können soziale Kompetenzen wie Empathie, Kommunikation und Kooperation im geschützten Rahmen reflektiert, geübt und entwickelt werden. Auch die Beziehung zu sich selbst kann wachsen und reifen. Je nach Fortschritt des therapeutischen Prozesses kann der Schwerpunkt der Arbeit stabilisierend und strukturierend (übungszentriert), stimulierend (erlebniszentriert) oder aufdeckend (konfliktzentriert) sein. Die therapeutische Beziehung spannt einen Rahmen und bietet Schutz, Akzeptanz und Wertschätzung.
Ziele der Tanz- und Bewegungstherapie



Der Anwendungsbereich der Tanz- und Bewegungstherapie ist breit gefächert. Sie zielt darauf ab, Gesundheit und Lebensqualität zu fördern, Symptome zu lindern und den Umgang mit ihnen zu verbessern. Durch die Integration von kognitiven, emotionalen und körperlichen Aspekten soll eine selbstbestimmte Lebensführung unterstützt werden.
Behandlungsziele sollen individuell formuliert werden. Mögliche konkrete Ziele sind:
- Aktivierung und Verbesserung des Wohlbefindens
- Stabilisierung und Förderung der Fähigkeit zur Selbstregulation
- Körperliche, emotionale und kognitive Flexibilisierung zur Problembewältigung
- Unterbrechung von Stillstand und Erleben der Selbstwirksamkeit
- Stärkung des Selbstwertgefühls, der Selbstvertrauen
- Entwicklung von Handlungskompetenzen
- Förderung der Körperwahrnehmung und eines realistischen Selbstbildes
- Annäherung von Selbst- und Fremdbild
- Entwicklung von Selbstverständnis und Akzeptanz
- Förderung von Selbstfürsorge und eigenen Bedürfnissen
- Förderung des persönlichen Ausdrucks
- Bearbeitung von Gefühlen und inneren Konflikten
- Erleben sozialer Teilhabe und Verbesserung der sozialen Kompetenzen
- …
Indikationen
Tanz- und Bewegungstherapeut:innen sind in vielen Bereichen tätig, darunter Prävention, Behandlung, Rehabilitation und Palliativversorgung. Die vielfältigen Methoden lassen sich an verschiedene Altersgruppen anpassen. So profitieren Kinder, Jugendliche und Erwachsene von tanztherapeutischen Angeboten.

Psychiatrische und psychosomatische Erkrankungen
Die klassischen Indikationen für Tanztherapie sind die psychiatrischen und psychosomatische Erkrankungen.
Dazu zählen unter anderem:
- Affektive Störungen, depressive und manische Episoden, Zyklothymia, Dysthymia
- Abhängigkeitssyndrom, Suchterkrankungen
- Schizophrene Erkrankungen
- Phobien, Angststörungen, Panikstörungen, Zwangsstörungen
- Belastungsreaktionen, Anpassungsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Burn-out-Syndrom
- Dissoziative Störungen, somatoforme Störungen wie Somatisierungsstörungen und Schmerzstörungen
- Essstörungen, wie Anorexie, Bulimie, Binge-Eating
- Persönlichkeitsstörungen und Persönlichkeitsänderungen
- Verhaltensstörungen, Impulskontrollstörungen, emotionale Störungen
- Entwicklungsstörungen, Autismus, Intelligenzminderungen
- Gerontopsychiatrische Störungen, Demenz
Somatische Erkrankungen
Die Tanz- und Bewegungstherapie wird außerdem zur Linderung der Auswirkungen somatischer Erkrankungen eingesetzt, beispielsweise onkologischer Erkrankungen, körperlicher Behinderungen, oder neurologischer Erkrankungen wie Parkinson.
Lebenskrisen
In beruflichen, persönlichen oder Identitätskrisen bietet die Tanz- und Bewegungstherapie eine ganzheitliche körperorientierte Unterstützung.
Tanztherapie und Bewegungstherapie allein reichen nicht aus, um schwere seelische Störungen zu behandeln. Sie können eine Behandlung durch eine Psychiater:in, eine ärztliche oder psychologische Psychotherapeut:in ergänzen.
Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus den verschiedenen Therapieformen können sich gegenseitig bereichern. In diesem Sinne können beispielsweise Abgrenzung oder Selbstwirksamkeit in Bewegung geübt werden. Die leiblichen Erfahrungen aus der Tanztherapie können in Gesprächen mit der ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeut:in vertieft und verknüpft werden.
Quellenverzeichnis:
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